Neues Angebot der Nachbarschaftshilfe: Gesprächskreis betreuender Angehöriger

26.02.2021

Der „Demografische Wandel“ beeinflusst mittlerweile unser alltägliches Leben: In einer Gesellschaft, deren Durchschnittsalter sich beständig nach oben verschiebt, sind die Auswirkungen für jedermann sichtbar. So pflegen immer mehr Verwandte Angehörige im heimischen Umfeld. Diese Tendenz trägt dem Gedanken „ambulant vor stationär“ entsprechend Rechnung, den die Politik ausgegeben hat – und der dazu beitragen soll, dass Pflegebedürftige so lange wie möglich in der gewohnten Umgebung bleiben können. Für die betreuenden Familienmitglieder bedeutet dieser Umstand allerdings häufig eine enorme psychische wie körperliche Belastung. Nicht nur, dass ihnen zumeist die Erfahrung und eine ausreichende Qualifikation für die anspruchsvolle Arbeit fehlen. Nicht selten sind sie gefordert, um den umfassenden Hilfebedarf ihrer zu pflegenden Angehörigen abdecken zu können. Deshalb hat es sich die Litzelstetter Nachbarschaftshilfe e.V. zur Aufgabe gemacht, Betreuenden in diesem Engagement unterstützend zur Seite zu stehen. Im Sinne der Selbsthilfe soll sich fortan ein kostenloser Gesprächskreis für diese Personengruppe wiederholt treffen und sich unter Anleitung von Dennis Riehle über persönliche Erfahrungen in der Begleitung ihres Verwandten, Fragen zum Thema „Pflege“ und die Grenzen der eigenen Belastbarkeit mit Gleichgesinnten austauschen.

Dabei geht es vor allem darum, dass die Teilnehmer einerseits von ihrem eigenen Erzählen profitieren, mit dem sie in geschütztem Rahmen Sorgen und Nöte loslassen können. Andererseits dürfen sie wiederum aus den Berichten anderer Angehöriger Tipps für sich und die individuelle Situation ableiten. Es werden keine Ratschläge erteilt, sondern vielmehr an der Mobilisierung von sozialen, emotionalen und körperlichen Ressourcen gearbeitet. Das Wissen darum, dass man mit seinen Unsicherheiten und Überforderungen nicht alleine dasteht, beruhigt und ermutigt zugleich.

Riehle, der bereits die Sozial- und Pflegesprechstunde des Vereins leitet, ist Psychologischer Berater mit langjähriger Berufserfahrung in den Schwerpunkten „Angst- und Stressbewältigung“ und „Persönlichkeitstraining“. Er hat sich in den Bereichen „Sozialrecht“, „Gerontologie“, „Rechtsfragen in der Pflege“ und „Digitaler Prävention und Gesundheitsförderung“ zertifizieren lassen. Zudem ist er in „Altenbetreuung“, „Trauerbegleitung“ und „Seelsorge“ fortgebildet. Er steht dem Gesprächskreis nicht nur als Moderator zur Verfügung, sondern beantwortet auch grundsätzliche Themen in der Gruppe, ohne dabei jedoch eine medizinische, therapeutische oder rechtliche Einzelfallprüfung vornehmen zu dürfen. Es handelt sich bei dem ehrenamtlichen Angebot auch nicht um einen Pflegekurs oder eine Pflegeberatung im Sinne von SGB IX. „Ich kläre schematisch über Gebrechen des Alters und über Gesetze zur Schwerbehinderung, Pflege oder Sozialleistungen für betreuungsbedürftige Personen auf, damit die Angehörigen im Zweifel bei Ärzten oder Anwälten weitergehende Auskunft einholen können. Hauptsächlich ist es aber meine Funktion, die Teilnehmenden anhand ihrer Schilderungen durch psychosoziale Unterstützung in ihrem Selbstbewusstsein zu stärken und ihnen entsprechende Wege aufzuzeigen, wie sie mit Krisen des Pflegealltages umgehen können“, sagt Riehle.

Im Gesprächskreis kommen unterschiedliche Komplexe zum Tragen. So geht es beispielsweise um folgende Fragen: Welche ethischen Normen und Werte vertrete ich als Pflegender? Wie kommuniziere ich mit meinem Verwandten richtig? Welches Bild vom Alter haben mein Angehöriger und ich? Wie entwickele ich soziale Kompetenz und Empathie? Wie lerne ich zu beobachten, statt zu bewerten? Wie gehe ich mit der kognitiven Einschränkung meines Angehörigen um? Wo kann ich ihn neuropsychologisch auf eine Demenz testen lassen? Wie handhaben wir als Familie eine entsprechende Diagnose? Was tun wir bei Sucht, Depression oder Stress des Pflegebedürftigen? Wie verhalten wir uns gegenüber der Außenwelt? Welche Pflegeleistungen kommen für meinen Angehörigen generell in Betracht – und wie beantrage ich sie? Welchen prinzipiellen Anspruch habe ich selbst auf Entlastungsleistungen? Welche Anzeichen sollte ich beachten, um mich vor einer Erschöpfungsreaktion zu schützen? Was kann ich tun, wenn ich bereits „ausgebrannt“ bin? Welche Wohnraumanpassungen sind denkbar? Wie kann ich Gefahrenstellen in der Wohnung erkennen? Welche Hilfsmittel gibt es? Wie bewege ich meinen Angehörigen möglichst schonend? Welche Prophylaxe gegen Dekubitus ist sinnvoll? Wie kann präventiv gegen Thrombosen, Kontrakturen und Inkontinenz vorgegangen werden? Wie gelingt die Nahrungsaufnahme – und welche Ernährung braucht mein Verwandter? Wie pflege ich den Mund meines Angehörigen und welche Hygienemaßnahmen muss ich im Haushalt beachten? Wie funktioniert angemessene Körperpflege im Alter? – Die Antworten hierzu findet die Gruppe im Diskurs miteinander heraus und fördert dadurch das Gefühl von Eigenverantwortung und Selbstbestimmung, das sie auch auf ihren Angehörigen übertragen sollen.

Um die Nachfrage und den Bedarf für den Gesprächskreis zu ermitteln, der nach jetzigen Planungen künftig ein Mal pro Monat vormittags in der Litzelstetter Ortsverwaltung stattfinden soll, werden pflegende Angehörige, die an solch einem regelmäßigen Austausch Interesse hätten, zur Kontaktaufnahme mit Dennis Riehle gebeten (Tel.: 07531/955401, Mail: dennis.riehle@Li-Na.de, Post: Martin-Schleyer-Str. 27, 78465 Konstanz). Bis zum Start des Angebots nach Abflauen der Pandemie gibt Riehle betreuenden Verwandten auf ihre Anliegen gerne elektronisch oder per Post über die genannten Adressen Auskunft.

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